Mittwoch, 12. August 2020
1991
Am 4. Mai 1991 richtete Italien zum zweiten Mal den ESC aus, und zwar nicht, wie ursprünglich geplant, in Sanremo, sondern in Rom, genau gesagt in der Cinecittà, wohin der Wettbewerb verlegt wurde, wie es heißt, aus Sicherheitsgründen, es war die Zeit des Golfkriegs.

Als Gastgeber begrüßten die beiden bisherigen ESC-Sieger des Landes, Gigliola Cinquetti und Toto Cutugno, das Publikum; sie bewiesen, dass gute Sänger nicht notwendigerweise auch gute Moderatoren sein müssen, aber dazu später mehr.

An der deutschen Vorentscheidung nahmen wieder 10 Lieder teil, und bis auf Cindy Berger waren alle Interpreten weitgehend unbekannt. Cindy war auch die Favoritin des Saalpublikums, das ungehalten reagierte, als ihr Lied „Nie allein“ nur auf Platz 7 landete; der Siegertitel „Dieser Traum darf niemals sterben“, gesungen von der eigens zusammengestellten Gruppe Atlantis 2000, wurde daraufhin ausgebuht. Beim ESC belegte das Lied Platz 18, die Gruppe trennte sich umgehend danach wieder.



Bereits im Vorjahr hatte Malta Interesse bekundet, wieder am Wettbewerb teilzunehmen, was zuletzt 1975 der Fall war; dies wurde allerdings abgelehnt mit der Begründung, mit 22 Liedern sei eine Obergrenze erreicht. 1991 fehlten allerdings die Niederlande, wieder wegen eines nationalen Feiertags, und so war der Weg für Malta frei. „Could it be“, gesungen von Paul Giordimaina und Georgina, erzielte Platz 6, das bis dahin beste Ergebnis des Landes.



Für Spanien sang Sergio Dalma, wegen der äußerlichen Ähnlichkeit von Toto Cutugno als „kleiner Toto“ bezeichnet, das Lied „Bailar pegados“; es belegte Platz 4.



Noch einen Platz besser landete das Lied aus Israel; das Duo Datz sang „Kan“.



Mitglied der norwegischen Gruppe Just4Fun war Hanne Krogh, die 1985 als Hälfte der Bobbysocks den ESC gewonnen hatte, und für Belgien sang die Gruppe Clouseau, die kurz danach mit „Close encounters“ auch international erfolgreich war, beim ESC aber nur Platz 16 belegte. Liebhaber des portugiesischen Fado kennen vielleicht Dulce Pontes; sie vertrat ihr Land beim ESC 1991. Auf dem letzten Platz mit 0 Punkten landete Österreich; der Sänger von „Venedig im Regen“, Thomas Forstner, hatte zwei Jahre zuvor noch Platz 5 belegt.

Jugoslawien zerfiel immer mehr und entschied sich für einen, wie ich finde, sehr skurrilen Beitrag. Eine nicht mehr ganz junge Dame, die sich den schönen Namen Baby Doll gab, pries in „Brazil“ die Vorzüge Lateinamerikas an und umgarnte dabei einen Tänzer, der sicher ihr Sohn hätte sein können. Malta war dieses Lied einen Punkt wert, wodurch zumindest der letzte Platz vermieden wurde.



Die Punktevergabe verlief relativ chaotisch, die Moderatoren hatten teils mangels Sprachkenntnissen, teils, weil sie eher miteinander statt mit den Gesprächspartnern beschäftigt waren, Verständigungsschwierigkeiten, sodass der Oberschiedsrichter Franck Naef deutlich häufiger als sonst einschreiten musste und zeitweise sogar die Gesprächsführung ganz übernahm. Am Ende dieser schweren Geburt lagen zwei Lieder punktgleich vorn, die Beiträge Schwedens und Frankreichs. Anders als 1969 gab es allerdings inzwischen eine Regel für diesen Fall: Die Anzahl der hohen Punktwerte was maßgebend. Beide Lieder erhielten je viermal die 12 Punkte, bei den 10 Punkten gab es aber einen Unterschied: Schweden bekam fünfmal diese Wertung, Frankreich nur zweimal – Schweden war somit zum dritten Mal ESC-Sieger. Die Sängerin des Liedes „Fångad av en stormvind“, Carola, hatte ihr Land schon 1983 vertreten.



Achtung, jetzt werde ich subjektiv und sentimental: Der punktgleiche französische Beitrag, der somit Platz 2 belegte, ist für mich das schönste Lied, das jemals am ESC teilgenommen hat. Die gebürtige Tunesierin Amina beschreibt in „C‘est le dernier qui a parlé qui a raison“ („Wer das letzte Wort hat, hat recht“) die Rolle der Frau in der islamischen Welt. Für mich sind der Vortrag, die Melodie, die Stimme und der Text einfach perfekt – ich liebe dieses Lied. So, und jetzt schalte ich meinen subjektiven Modus wieder aus und überlasse jedem Leser dieser Zeilen sein eigenes Urteil.

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