Sonntag, 2. August 2020
1975
Der ESC 1975 fand am 22. März in Stockholm statt; er wurde begleitet von einigen Protesten. Teile der Bevölkerung fanden, dass der Wettbewerb zu kommerziell geworden sei, und veranstalteten zeitgleich eine (von der übrigen Öffentlichkeit aber wenig wahrgenommene) Gegenveranstaltung. Der Song Contest wurde davon unbeeinflusst trotzdem wie geplant durchgeführt.

Neben Frankreich kehrte auch Malta zurück, und die Türkei nahm erstmals teil. 1974 besetzten türkische Truppen den Nordteil von Zypern, was zu Konflikten mit dem Nachbarn Griechenland führte. Die Folge war, dass die beiden Länder nicht am selben Wettbewerb teilnehmen wollten, Griechenland blieb der Veranstaltung also nur ein Jahr nach seinem Début fern. Trotzdem wurde mit 19 Teilnehmern ein neuer Rekord erreicht.

In Deutschland gab es eine Vorentscheidung mit 15 teils sehr namhaften Interpreten, die je ein Lied vorstellten. Vier der Künstler hatten schon vorher am ESC teilgenommen, nämlich Katja Ebstein (1970/71 Deutschland), Mary Roos (1972 Deutschland), Séverine (1971 Monaco) und Peter Horton (1967 Österreich); hinzu kamen aktuell sehr populäre Sängerinnen und Sänger wie Marianne Rosenberg, Peggy March, Maggie Mae und Jürgen Marcus. Zwei der Wettbewerbstitel erreichten die Top 10 der deutschen Verkaufslisten, nämlich „Ein Lied zieht hinaus in die Welt“ und „Er gehört zu mir“. Der Sieg ging an Joy Fleming und ihr im Philly-Stil gehaltenes „Ein Lied kann eine Brücke sein“, den Text schrieb Michael Holm. Trotz sehr guter Kritiken belegte das Lied beim ESC nur Platz 17; einige Beobachter begründen dies auch mit dem martialisch wirkenden Auftreten des Dirigenten Rainer Pietsch, der auch Komponist des Liedes war. In Stockholm sang Joy Fleming die letzten Zeilen auf Englisch.



Luxemburg setzte wieder auf eine internationale Produktion, die diesmal auch schon große Erfolge beim ESC vorweisen konnte: Die Komponisten, Bill Martin und Phil Coulter, hatten bereits „Puppet on a string“ und „Congratulations“ geschrieben, zu den Werken des Texters Pierre Cour gehörten „Tom Pillibi“ und „L‘amour est bleu“. Gesungen wurde ihr gemeinsames Lied „Toi“ von der Irin Geraldine, Phil Coulters Ehefrau. Sie gestand später, dass sie kein Wort Französisch spricht. Das Ergebnis war Platz 5.



Die Shadows wurden Ende der 1950er als Begleitband für Cliff Richard gegründet; in den Folgejahren hatten sie auch ohne ihn Instrumenalhits wie „Apache“. Am ESC nahmen sie für das Vereinigte Königreich teil, und natürlich wurde ihr Beitrag „Let me be the one“ gesungen, was für die Gruppe eher unüblich war. Sie belegten Platz 2.



1973 wurde das schwedische Duo Nova von drei Sängerinnen begleitet, die sich „The Dolls“ nannten. Diese kamen auch 1975 wieder als Begleitchor zum Einsatz, und zwar gleich viermal: Sie sangen bei den Beiträgen aus der Schweiz, Belgien, Portugal und natürlich Schweden. Die Schweiz wurde von Simone Drexel vertreten, die zwei Jahre zuvor bei einem Talentwettbewerb der Jugendzeitschrift Bravo entdeckt worden war. Belgien präsentierte seinen Beitrag zweisprachig, zunächst auf Flämisch, später auf Englisch. Ungewöhnliche Klänge kamen aus Finnland, der Beitrag „Old man fiddle“ war ein Squaredance. Platz 7 war das Ergebnis, die Interpreten hörten auf den schönen Namen Pihasoittajat.



Malta meldete sich mit „Singing this song“ zurück und nahm erstmals auf Englisch teil. Platz 12 war immerhin besser als der letzte Rang, den das Land 1971 und 1972 belegt hatte; der ging diesmal wieder an einen Debütanten, nämlich an die Türkei. „Seninle bir dakika“, gesungen von Semiha Yankı, wurde national trotzdem ein großer Erfolg.



Das Wertungssystem wurde komplett umgestellt. Die Jurys in den einzelnen Ländern benoteten alle Lieder (außer das eigene) und brachten die Ergebnisse in eine Reihenfolge. Die 10 bestplatzierten Beiträge erhielten 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 10 und 12 Punkte. Die Abfrage wie auch die Punktevergabe erfolgten in Startreihenfolge. Die Moderatorin, Karin Falck, wiederholte alle Punkte auf Englisch und auf Französisch, auch, um der manchmal etwas langsamen Anzeigetafel, etwas Zeit zu verschaffen. Bis auf kleine Aussetzer („Seven – how much is that in french?“) gab es keine Probleme, und so stand am Ende der niederländische Beitrag „Ding-a-dong“ als Sieger fest; das Land hatte damit, wie schon Frankreich und Luxemburg, viermal den Wettbewerb gewonnen. Gesungen wurde das Lied von der Gruppe Teach-In, es war das erste Mal, dass die Startnummer 1 siegen konnte.

... comment