Freitag, 31. Juli 2020
1973
Luxemburg war am 7. April 1973 zum dritten Mal Ausrichter des ESC, Moderatorin war Helga Guitton, die insbesondere im deutschsprachigen Raum als „Helga von Radio Luxemburg“ vielen Radiohörern bekannt war. Malta fehlte nach zwei Misserfolgen, und auch Österreich blieb dem Wettbewerb fern, da man den kommerziellen Charakter der Veranstaltung missbilligte. Dafür gab es aber einen Neuzugang, nämlich Israel. Wenige Monate nach dem Attentat während der Olympischen Spiele, bei dem viele israelische Sportler und Funktionäre ermordet wurden, bedeutete dies, dass die Sicherheitsvorkehrungen beim ESC sehr hoch waren. Die Fotografen mussten beweisen, dass ihre Kameras funktionstüchtig waren, dem Publikum war es untersagt, zum Applaudieren aufzustehen, damit Scharfschützen sie nicht für Terroristen hielten, und die israelische Sängerin und die Dirigentin trugen kugelsichere Westen. Moment mal… Dirigentin? In den 43 Jahren, in denen es beim ESC ein Liveorchester gab, wurde dieses nur viermal von Frauen geleitet, und gleich zwei dieser Situationen fanden 1973 statt. Nurit Hirsh war auch Komponistin des Liedes „Ey sham“, das von Ilanit gesungen wurde. Es belegte den vierten Platz.



1973 gab es eine Spielregeländerung, auf die die nordischen Länder lange hingearbeitet hatten, und sie waren es auch, die sie in diesem Jahr ausnutzten: Ab sofort war es den Teilnehmern freigestellt, in welcher Sprache sie ihre Beiträge präsentierten; aus Finnland und Schweden waren englischsprachige Lieder zu hören, Norwegen wählte ein Gemisch aus vielen Sprachen, die in einer Art Wechselgesang oft gleichzeitig zu hören waren. Alle drei schnitten damit im Vergleich zu den Vorjahren überdurchschnittlich ab, Schweden belegte Platz 5, Finnland Platz 6 und Norwegen Platz 7. Aus Schweden kam auch die allererste Dirigentin des ESC, Monica Dominique. Auch sie war gleichzeitig Komponistin des Liedes. „You are summer“, in dem die Textzeile „Deine Brüste sind wie Schwalbennester“ vorkommt; ich frage mich, ob das ein Kompliment sein soll?



Alle anderen Teilnehmer traten in einer ihrer Landessprachen auf, so auch Deutschland, auch wenn es für die Dänin Gitte nicht die Muttersprache war. Sie hatte sich mit „Junger Tag“ bei der Vorentscheidung gegen namhafte Mitbewerber wie Cindy & Bert, Michael Holm, Roberto Blanco oder die Vertreterin Belgiens von 1966, Tonia, durchgesetzt. Bei der Veranstaltung sangen alle Interpreten je zwei Lieder; angesichts der bekannten Namen ist es erstaunlich, dass nur Gitte kommerziellen Erfolg hatte. Sie belegte beim ESC Platz 8, was angesichts der guten Vorjahresergebnisse von einigen Beobachtern enttäuscht kommentiert wurde.



Zum zweiten Mal trat Cliff Richard für das Vereinigte Königreich an. Berichte sagen, er sei vor seinem Auftritt so nervös gewesen, dass er Beruhigungsmittel genommen habe, weswegen es Schwierigkeiten gab, ihn rechtzeitig auf die Bühne zu bringen, außerdem habe er aus dem gleichen Grund die Wertungen nicht verfolgt, sondern die Zeit auf der Toilette sitzend verbracht. Auch mit „Power to all our friends“ gelang ihm kein Sieg, diesmal belegte er sogar „nur“ Platz 3.



Karma, Schicksal oder einfach nur Zufall? Wie schon 1968 landete der spanische Beitrag einen Platz vor Cliff Richard, und in diesem Jahr war das Lied weltweit auch kommerziell erfolgreicher: „Eres tú“ hatte insbesondere in Lateinamerika hohe Verkaufszahlen. Interpretiert wurde es von der Gruppe Mocedades.



Eine weitere Änderung der Spielregeln fiel den Zuschauern nicht auf: Ab 1973 wurde den Künstlern das gewährt, was 1972 die New Seekers vergeblich gefordert hatten: Die Instrumente auf der Bühne wurden nicht mehr live gespielt, sondern als Halbplayback dem Liveorchester hinzugefügt; so sollten Schwierigkeiten bei der Koordination und der Synchronisation vermieden werden. Alle Vokalstimmen, also sowohl die der Interpreten als auch die des Chors, mussten aber weiterhin live dargeboten werden. Wichtig war außerdem, dass die eingespielten Instrumente auch tatsächlich auf der Bühne vorhanden waren, man konnte also beispielsweise nicht auf eine Kirchenorgel zurückgreifen.

Zwei der Künstler waren beim ESC 1973 wenig erfolgreich, wurden aber einige Jahre später international bekannt: Patrick Juvet vertat die Schweiz; 1978 hatte er mit Liedern wie „Got a feeling“ im Rahmen der Disco-Welle Erfolg. Anfang der 1980er wurde „Solitaire“ in mehreren Sprachen bekannt, beispielsweise auf Englisch von Laura Branigan oder auf Deutsch („Immer mehr“) von Milva. Das französischsprachige Original wurde 1981 von Martine Clémenceau gesungen, und eben diese vertrat 1973 Frankreich. Der Autor des niederländischen Beitrags, der ebenfalls wenig Erfolg hatte, war Pierre Kartner, der einige Jahre später als Vader Abraham bekannt wurde.

Nach Abgabe der Wertungen stand fest, dass es einen Heimsieg gab: Luxemburg gewann den Wettbewerb mit „Tu te reconnaîtras“, gesungen von Anne-Marie David. Das Lied erhielt 129 der 160 möglichen Stimmen, also mehr als 80%, das ist prozentual der höchste Sieg in der Geschichte des ESC. Es war das vierte Mal, dass Luxemburg den ersten Platz belegte, es hatte damit also mit Frankreich gleichgezogen.

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