Freitag, 24. Juli 2020
1966
Der ESC 1966 wurde am 5. März in Luxemburg ausgetragen. Deutschland verzichtete nach den Misserfolgen der Vorjahre auf eine Vorentscheidung und nominierte den Beitrag „Die Zeiger der Uhr“ direkt; Interpretin war Margot Eskens. Sie hatte ihre größten Erfolge wie „Cindy, oh Cindy“ etwa zehn Jahre zuvor und hoffte, daran anknüpfen zu können. Sie hatte bereits an den Schlagerfestspielen 1962 teilgenommen und sich als eventuellen Ersatz für Heidi Brühl 1963 zur Verfügung gestellt. Beim ESC belegte sie Platz 10; es war das erste Mal seit drei Jahren, dass Deutschland überhaupt Punkte erhielt. In den Verkaufslisten konnte sich das Lied aber wieder nicht platzieren.



Zum dritten Mal in Folge trat Udo Jürgens für Österreich an, und diesmal gelang der Sieg. „Merci, Chérie“ bekam 31 Punkte und damit fast doppelt so viele wie das zweitplatzierte Lied (16). Der Sänger bedankte sich für die Benotungen mit den Worten „Merci, juries“.



Die nordischen Länder waren mit der Entscheidung, dass die Lieder nunmehr in einer Landessprache vorgetragen werden mussten, nicht einverstanden, sie sahen sich hierdurch benachteiligt. Sie heckten daher, wie sie erst viele Jahre später zugaben, einen Komplott aus – sie alle vergaben an ihre Nachbarn hohe Punktzahlen. Insbesondere der schwedische Beitrag profitierte davon, er bekam von Norwegen, Dänemark und Finnland jeweils die Höchstnote von 5 Punkten. Außerhalb des Nordens vergab nur die Schweiz einen Punkt an das Lied, aber die 16 Punkte reichten für Platz 2. „Nygammal vals eller hip man svinaherde“ war eine bizarre Liebesgeschichte zwischen einem adligen Mädchen und einem Schweinehirten; gesungen wurde der Jazzwalzer von Lill Lindfors und Svante Thuresson.



Gleich dahinter, auf Platz 3, landete Norwegen. „Intet er nytt under solen“ war in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert: Zunächst musikalisch, weil es im beim ESC ungewöhnlichen Fünfertakt gehalten war. Vor allem aber optisch, denn die Sängerin Åse Kleveland begleitete sich selbst auf der Gitarre und trug einen Hosenanzug; beides hatte es im Wettbewerb vorher noch nicht gegeben. Beide Frauen, die Schweden und Norwegen vertraten, kehrten zwei Jahrzehnte später als Moderatorinnen zum ESC zurück.



Mit Belgien auf Platz 4 erreichte ein weiteres Land das bis dahin beste Ergebnis beim ESC; die bis dahin erfolgreichen Länder Frankreich, das Vereinigte Königreich und die Niederlande hingegen fanden sich in der zweiten Tabellenhälfte wieder. Der britische Interpret Kenneth McKellar trug einen Kilt, und auch die Niederlande sorgten für eine Premiere: Milly Scott war die erste farbige Sängerin im Wettbewerb; sie wurde bei ihrem Lied „Fernando en Filippo“ von zwei Männern begleitet, die Gitarre spielten und offenbar die beiden besungenen Herren optisch darstellen sollten. Sensationell finde ich die artistischen Fähigkeiten von Milly Scott, als sie zum Ende des Vortrags seitwärts eine Treppe hinauftänzelt, ohne zu stolpern oder sich im Mikrofonkabel zu verfangen.



Optisch untermalt wurde auch der dänische Beitrag, bei dem ein Tanzpaar sein Können zeigte.



Gerüchte behaupten, dass bei der internen Selektion in Frankreich auch Mireille Mathieu mit ihrem Lied „C‘est ton nom“ zur Auswahl stand; hierfür konnte ich allerdings keine verlässlichen Belege finden.

Für Italien sang Domenico Modugno, der Ende der 1950er Jahre Klassiker wie „Volare“ auf die ESC-Bühne brachte. Während der Proben seines Liedes „Dio, come ti amo“ reagierte er allerdings verärgert, weil ihm die Begleitung durch das Orchester nicht zusagte und drohte sogar sogar mit vorzeitiger Abreise. Er blieb, belegte aber den letzten Platz mit 0 Punkten. Er trat nie wieder beim ESC auf; sein Lied wurde trotzdem ein großer Erfolg, auch in der Version von Gigliola Cinquetti.

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