Samstag, 18. Juli 2020
1960
Die Niederlande hatten den ESC erst zwei Jahre zuvor ausgerichtet und baten deshalb darum, dass ein anderes Land die Aufgabe übernimmt. Das Vereinigte Königreich half aus, so fand der Wettbewerb am 29. März in London statt.

In Deutschland wurde wieder eine Vorentscheidung abgehalten; an dieser nahmen auch junge, noch eher unbekannte Künstler teil. Einer von ihnen, Wyn Hoop, konnte den Wettbewerb gewinnen, mit „Bonne nuit, ma chérie“ trat er beim ESC an und belegte dort den vierten Platz, das beste deutsche Ergebnis der 1960er Jahre, was damals natürlich noch niemand wissen oder ahnen konnte.



Das Publikum hätte allerdings lieber „Wir wollen niemals auseinandergehn“, gesungen von Heidi Brühl, als Sieger gesehen und ignorierte Wyn Hoops Lied; in den Verkaufslisten kam er bis Platz 44, während Heidi Brühl dort wochenlang Platz 1 belegte.

Das damals bekannteste Gesicht des Wettbewerbs gehörte keinem Interpreten; Robert Stolz wurde auch der „Operettenkönig“ genannt, weil er zahlreiche erfolgreiche Werke wie „Zwei Herzen im Dreivierteltakt“ geschrieben hatte. Beim ESC wirkte er nicht nur als Komponist des österreichischen Beitrags „Du hast mir so fasziniert“ (gesungen von Harry Winter) mit, sondern trat auch selbst als Dirigent in Erscheinung, was auch deshalb bemerkenswert ist, weil er wenige Wochen nach dem ESC bereits seinen 80. Geburtstag feierte.



Drei der Sängerinnen und Sänger sollten in den Folgejahren noch große Erfolge im deutschsprachigen Raum haben: Für Schweden sang Siw Malmkvist, die im Vorjahr bereits die Vorentscheidung gewonnen hatte. Mit Liedern wie „Liebeskummer lohnt sich nicht“ wurde sie eine der erfolgreichsten Schlagersängerinnen der 1960er Jahre (und trat auch beim ESC später noch einmal in Erscheinung). Für die Niederlande trat Rudi Carrell an; bis zu seinem Tod 2006 spielte er im deutschen Fernsehen eine prägende Rolle, sowohl als Moderator („Am laufenden Band“) als auch als Sänger („Wann wird‘s mal wieder richtig Sommer“). Diese beiden Funktionen machten auch Camillo Felgen populär, der als Spielleiter („Spiel ohne Grenzen“) und Interpret von Liedern wie „Ich habe Ehrfurcht vor schneeweißen Haaren“ in Erscheinung trat. Beim ESC vertrat er Luxemburg, und zwar in lëtzebuergescher Sprache, also nicht auf Französisch. Erfolgreich war keiner der drei, sie alle belegten beim ESC hintere Plätze.



Fud Leclerc vertrat nach 1956 und 1958 zum dritten Mal Belgien; das allein war nicht sonderlich außergewöhnlich, auch die beiden ersten Siegerinnen Lys Assia und Corry Brokken traten bei drei ESCs an, beide sogar direkt hintereinander. Fud Leclerc nahm daneben aber auch noch an der Schweizer Vorentscheidung teil, die er allerdings nicht gewinnen konnte. Diese Koinzidenz hatte damals keine Folgen, ich weiß auch nicht, ob die einzelnen Länder oder die EBU über die nationalen Ergebnisse informiert waren. Die Frage, ob ein Künstler für zwei Ländern singen darf, wurde aus gegebenen Anlässen erst 2003 geklärt – mehr dazu also (viel) später.

Übrigens war 1960 das erste Jahr, in dem den Juroren die Beiträge schon im Vorfeld zur Verfügung standen, sie hörten sie also beim Wettbewerb nicht zum allerersten Mal.

Zwei der Interpreten hatten verwandtschaftliche Beziehungen zu ihren Kollegen vom Vorjahr: Der britische Vertreter Bryan Johnson war der Bruder von Teddy Johnson, der das Land 1959 (im Duett mit Pearl Carr) vertreten hatte, und die Französin Jacqueline Boyer versuchte, die Familienehre wieder herzustellen, nachdem ihr Vater Jacques Pills für Monaco den letzten Platz belegt hatte.

Norwegen war erstmals beim ESC dabei, damit stieg die Anzahl der Teilnehmer auf 13. Dass dies keine Unglückszahl ist, erfuhr Jacqueline Boyer: Sie sang als Letzte, also mit eben dieser Startnummer, und belegte den ersten Platz; es war der zweite Sieg für Frankreich und das erste Mal, dass ein Siegertitel auch außerhalb des eigenen Landes kommerziell erfolgreich war. „Tom Pillibi“ handelt von einem erdachten Märchenprinzen, der vorgibt, zwei Schlösser zu besitzen – eines in Schottland, eines in Montenegro. Auch Jacqueline Boyer wurde in den 1960ern zu einer erfolgreichen deutschen Schlagersängerin („Mitsou, Mitsou“).

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